Der Löwenflüsterer von Südafrika: Kevin Richardson

by Klaus on 28. Dezember 2012

in Tiere & Wildlife

Kevin RichardsonEs sind Bilder, die einem wahre Schauer über den Rücken jagen: Ein dunkelhaariger Mann wälzt und rauft sich mit vier riesigen, massigen Raubkatzen auf dem staubigen Boden.

Er brüllt, faucht und rast mit ihnen um die Wette über die trockene Steppe – und ein wenig später sieht man die Gruppe gemeinsam liebevoll kuschelnd in der Sonne dösen. Ja, der Südafrikaner Kevin Richardson (38) ist ein Löwenmann, er ist einer von ihnen, er zählt zum Rudel.

Immer wieder suchen seine wilden Freunde seine Nähe, umarmen ihn, schlecken ihn ab, lassen sich von ihm kraulen oder sogar küssen. „Löwen sind sehr liebesbedürftig“, lacht Kevin. Der „Löwenflüsterer“ hat in vielen Jahren so eine innige Beziehung zu seinen Raubkatzen aufgebaut, dass er die ganze Nacht eng Körper an Körper mit ihnen zusammen liegen kann ohne die geringste Angst angegriffen zu werden. „Ich verstehe sie inzwischen oft besser als viele Menschen“, sagt Kevin, der sich – entgegen aller Unkenrufe – täglich gerne in die „Höhle des Löwen“ begibt. Besonders gefällt ihm, dass „Löwen direkt und ohne Hintergedanken sind. Sie zeigen Dir ihre Liebe und ihre Zuneigung – aber auch wenn sie von Dir genervt sind“. Und das sofort ohne Spielchen. „Der Kontakt zu ihnen ist nicht mein Recht, sondern mein Privileg“, machte Kevin in einem Interview klar. „Ich sehe es als absolute Ausnahme mit diesen Tieren so eng zusammen sein zu dürfen“, so der Tierverhaltensforscher, dessen Lebensziel es ist, für den Erhalt und die Freiheit der wunderschönen Raubtiere zu kämpfen. Eine unglaublich prickelnde Geschichte über einen Mann mit dem Herz eines Löwen.

Löwenflüsterer

Ein ungebändigter Junge

Schon als Kind war Kevin von Löwen fasziniert. Er selbst war ein wilder Jugendlicher, der sich jeglicher Kontrolle entzog, dem seine Freiheit über alles ging. Als er 23 Jahre alt war und als Physiotherapeut arbeitete, nahm ihn der Besitzer des Lion Park bei Johannesburg mit ins Gehege. Dort traf er die kleinen Löwen Tau und Napoleon, die damals sechs Monate alt waren. Das war der Beginn seiner wunderbaren Löwen-Leidenschaft. Täglich besuchte er mehrere Stunden seine neuen Freunde, setzte sich zu ihnen ins Gras, beobachtete sie, wurde immer mehr in ihren Bann gezogen. Als er das erste Mal ohne Begleitung durch das Tor trat, warf sich einer der Löwen gleich voll auf ihn und traktierte ihn mit Zähnen, Krallen und Pranken, die schon jetzt die Größe von Untertassen hatten. „Mist“, dachte Kevin, „der Kerl will mich fressen!“ Heute weiß er, dass der Junglöwe einfach nur spielen wollte. Obwohl dieses Intermezzo eher eine Misshandlung war, machte der Tierfreund lieber gute Miene zum bösen Spiel und hielt das ungestüme Beißen und Reißen aus, bis die Rabauken genug davon hatten – und eroberte damit ihr Herz. Tau und Napoleon sollten später seine engsten Freunde werden, seine „Brüder“, wie er sie jetzt liebevoll nennt.

Ein Leben für die Löwen

Heute lebt der Tiertrainer und Autor mit seiner Frau Mandy und seinem Sohn im 800 Hektar großen Privatgehege „The Kingdom of the White Lion“ nahe Johannesburg/Südafrika. Mitbewohner sind eine Vielzahl von Großkatzen wie seltene weiße Löwen, schwarze Leoparden, Jaguare und Hyänen – aber auch andere Wildtiere wie Antilopen, Giraffen und Streifengnus. Richardson ist mittlerweile Manager seines eigenen Wildparks und in der weltweiten Fangemeinde ein absoluter Star.


Sein Löwen-Projekt finanziert Kevin durch Bücher und Videos. Sein neuestes soeben erschienenes Buch „Der Löwenflüsterer“ (269 Seiten, Unimedica Verlag) mit atemberaubenden Fotos lässt die feinen psychologischen Aspekte in seiner Beziehung zu den Raubtieren hautnah spürbar werden. Das Buch vermittelt den spannenden Werdegang des Autors und die Reifung von einem wilden, unkontrollierbaren Jugendlichen zu einer charismatischen Persönlichkeit durch die ständige Herausforderung im Umgang mit den Großkatzen.


Mit seinen Löwen arbeitet er auch für kommerzielle Filmprojekte und Dokumentationen. So produzierte Richardson den Film „Der weiße Löwe“ – ein Plädoyer für die Artenvielfalt, gedreht als Abenteuerfilm, der durch echte Löwen, Spannung und Hintergrund besticht. Zusätzlich gibt es in dem Wildpark ein Programm für freiwillige Helfer. Durch diese Aktionen hofft Richardson das öffentliche Bewusstsein für die zurückgehende Löwenpopulation in Afrika zu wecken.

Kevin Richardson der Löwenflüsterer

„Ich bin Ehrenmitglied in ihrem Rudel“

„Sie wissen, dass ich kein Löwe bin. Ich bin wie ein Ehrenmitglied ihres Rudels. Sie haben mich in ihre Familie aufgenommen“, erklärt Kevin. Und natürlich umgekehrt. Alle Großkatzen in seinem Reservat hat Kevin als Babys oder Jungtiere kennengelernt und hat sie mit großgezogen. „In dieser Zeit formt sich die Beziehung“, sagt er. Kevin „liest“ die Gesten der Raubtiere und kommuniziert über Laute und Berührungen mit ihnen. Niemand zuvor hat ein Mensch als Rudelmitglied unter einem 28-köpfigen Löwenrudel leben und eine derartige Intimität aufbauen können. Richardson spielt, schmust, küsst und geht sogar mit der Löwin Meg in einem See baden. Dabei gehen die Raubtiere eigentlich nie ins Wasser! Es ist eine Lebens- und Arbeitsweise, die zum Träumen verleitet. Eine YouTube-Nutzerin schwärmt im Internet über Kevin: „Der hat den tollsten Job der Welt“!

Es sind keine Kuscheltiere

Doch ganz so bilderbuchmäßig läuft es natürlich auch auf Kevins Farm nicht ab. Es gibt harmonische Tage mit den Wildkatzen – und auch aggressive, gefährliche Momente, wo man gut daran tut, sich schnell zurückzuziehen. Trotz der großen Liebe und Nähe zu den Raubtieren hat der Tierversteher eine gesunde Angst vor ihnen und warnt: „Es sind gefährliche Tiere, Raubkatzen, keine Kuscheltiere – auch wenn es manchmal so aussieht“. Drei Regeln sollten im Umgang strikt eingehalten werden: „Nicht stören, wenn sie schlafen, schon gar nicht erschrecken und ihnen nicht in die Quere geraten, wenn sie gerade fressen. Missachte ich diese Gesetze, lande ich selbst in deren Mägen“.

Wie hat Kevin es geschafft, so eine innige, persönliche Beziehung zu den lebensgefährlichen Raubtieren aufzubauen? Vielleicht, weil er üblichen Sicherheitsregeln (wie z.B. schau ihnen nicht in die Augen, dreh ihnen nicht den Rücken zu, mach keine plötzlichen Bewegungen, rede leise mit ihnen…) gebrochen hat – und genau das Gegenteil davon praktiziert! Oder indem er darauf baute den Wildtieren Liebe, Verständnis und Vertrauen entgegenzubringen – statt den Willen der Großkatzen mit Stöcken und Ketten zu brechen, wie es etwa Löwenbändiger im Zirkus machen! Seine außergewöhnlich sanfte Methode ihr individuelles Wesen kennenzulernen – zu verstehen, was sie wütend macht, glücklich, aufgebracht oder irritiert – hat bewirkt, dass das gegenseitige Feindbild in sich zusammenklappen konnte. Dass Liebe und gegenseitiger Respekt wachsen konnten.

„Güte kann Haare aus des Löwen Schnurrbart ziehen“
(Aus dem Sudan)

Dass Kevin bisher – abgesehen von ein paar Kratzern, Bissen und etlichen zerrissenen Shirts – weitgehend ungeschoren davonkam, liegt an seiner furchtlosen, stoischen Art und Weise, wie er mit den Großkatzen kommuniziert. „Diese Katzen könnten mich jederzeit umbringen. Aber wir haben ein Prinzip. Sie müssen sich mir nicht unterwerfen. Wir haben keine Angst voreinander. Es geht um die positive Einstellung“, macht Kevin klar. Natürlich liegt es auch ein bisschen an der berühmten Chemie, die stimmen muss. Gleiches gilt für den Geruch. Dazu gehört natürlich auch das eigene sichere Auftreten. Riecht das Rudel Angst, hat man für immer verloren, und man wird zum appetitlichen Leckerbissen. Es dauert viele Jahre, bis ein Mensch mit gefährlichen Raubtieren auf gleicher Augenhöhe ist, seien es Löwen, Tiger, Bären oder Wölfe. „Löwen sind sehr stolz und selbstbewusst“, beschreibt der Experte. „Neben der Gestik läuft bei Raubkatzen viel über die Intuition. Löwen sind nicht dumm. Sie merken sogleich, wann und wie ich sie anfasse, streichele oder kraule. Und sie spüren, wie ich das handhabe. Denn Tiere haben eine Seele – genau wie wir Menschen“.

Kevin Richardson

Löwen: vom Aussterben bedroht

Die Zahl der Löwen in Südafrika ist in den vergangenen 15 Jahren von 350 000 auf weit unter 30.000 Tiere gefallen. Richtig frei lebende Löwen gibt es kaum noch. Die meisten leben auf Farmen oder im Nationalpark. Noch immer können Touristen im südlichen Afrika einen Löwen als Jagdtrophäe schießen. Laut Prognosen sollen alle Löwen Afrikas bis zum Jahr 2030 aussterben. Kevin Richardson will mit seinem Engagement, seinen Büchern und Videos weltweit auf diese Probleme aufmerksam machen und für den Schutz seiner wilden Freunde kämpfen. Infos unter www.lionwhisperer.co.za.

Kevin Richardson ist nicht tot!

Immer wieder wurden Gerüchte verbreitet, Kevin Richardson sei tot. Doch das ist nicht der Fall. Wer für den Buschfunk verantwortlich zeichnet, ist unklar. Doch wenn man heute in Google „Kevin Richardson“ oder „Der Löwenflüsterer“ eingibt, wird einem sofort die erweiterte Suchanfrage „Kevin Richardson tot“ vorgeschlagen, was darauf hindeutet, dass sehr viele Leute nach dieser Phrase suchen und das Gerücht somit ein weit verbreiteter Irrglaube ist.

Buch-Tipp

Löwenflüsterer BuchIn seiner Autobiografie erzählt der südafrikanische Löwenpfleger und Tierverhaltensforscher Kevin Richardson (38) die Geschichte seines Lebens. Sie ist ungewöhnlich, denn Kevin besitzt die seltene Fähigkeit, das Vertrauen von Raubtieren wie Löwen, Geparden oder Hyänen zu gewinnen und von ihnen wie ein Vater, Bruder oder guter Freund akzeptiert zu werden. Er wird Teil des Rudels. Er darf bei ihnen schlafen, mit ihnen spielen, sie kraulen und sogar küssen. Kevin erzählt von den Löwen Napoleon und Tao, die er seine Brüder nennt, von der ungewöhnlichen Löwin Meg, der Richardson das Schwimmen beibrachte, dem wilden Tsavo, der Kevin fast umbrachte, und der rührenden kleinen Hyäne Homer, die ihr erstes Lebensjahr nicht vollenden konnte. Die große Nähe zwischen Mensch und Raubtier macht einzigartige Fotoaufnahmen möglich.

Der Löwenflüsterer

Richardson, Kevin / Park, Tony

270 Seiten, ISBN: 978-3-943309-34-8

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Bericht über den Löwenflüsterer bei Galileo:

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